Anke Domscheit-Berg, MdB: Die Eventbranche kämpft – auch in Rathenow

Während meiner Sommertour durch den Wahlkreis interessiert mich vor allem, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Menschen hat – jenseits von gesundheitlichen Folgen. So nutzte ich am 4. August die Gelegenheit, mit den beiden Geschäftsführern der Soundspower Event GmbH Rathenow, Karsten Büttner und Philipp Günther, darüber zu reden.

Soundspower Event ist eine Firma, die 70% des Umsatzes in den wärmeren Jahreszeiten macht und das vor allem auf Veranstaltungen, z.B. mit Licht-, Ton- und Bühnentechnik. Im März waren die LKWs schon mit der ganzen Technik für ein größeres Event beladen, der Kunde hatte Vorkasse geleistet, denn Technik muss auch beschafft und Leasingraten dafür bezahlt werden – dann kam eine Nachricht, wie sie viele vergleichbare Unternehmen der Veranstaltungsbranche vor allem im Frühjahr erreichte: die Veranstaltung wurde um Monate verschoben, dann ganz abgesagt.

Konzert im Optikpark Rathenow

Die Veranstaltungsbranche ist nach Aussage der beiden Geschäftsführer die sechstgrößte Branche in Deutschland und beschäftigt 3 Millionen Menschen. Betroffen sind viele verschiedene Firmen und Berufsgruppen, auch viele Solo-Selbständige, die bisher auch Soundspower Event zum Beispiel als Techniker für den Aufbau von Bühnentechnik unter Vertrag nahmen.
Ich hake nach, frage, ob die Corona-Soforthilfen des Bundes denn nicht helfen, um über die Krise zu kommen, aber die Praxis ist ernüchternd, denn die tatsächlichen Rahmenbedingungen sind so nachteilig, dass ein großer Teil der Firmen viel zu geringe Hilfen oder Kreditangebote erhält, die leider gar keine Hilfe sind. Wenn eine Veranstaltung ausfällt, dann ist das anders, als wenn ein Konsument eine Waschmaschine nicht kaufen kann, weil ein Kaufhaus geschlossen ist. Den Kauf der Waschmaschine kann man auch nach Wiederöffnung des Kaufhauses nachholen, aber im November oder Februar lassen sich die im Sommer ausgefallenen Festivals nicht mehr nachholen, was ausgefallen ist, bleibt als Verlust in den Büchern stehen, denn nicht nur Einnahmen fallen aus, Kosten fallen leider trotzdem weiter an. Wenn man außerdem nicht weiß, wann es wirklich wieder besser wird, wie soll man sich da mit Krediten verschulden?
Wer im Februar einen Leasingvertrag unterschreibt, von dem man nicht zurücktreten kann, der kann nicht einmal die Leasingraten als laufende Kosten bei der Corona-Soforthilfe in Rechnung stellen, wenn das Auto erst ein paar Wochen später (planmäßig) geliefert wird und die formelle Leasingzeit erst nach Februar begann. Viele weitere Beispiele wurden mir erzählt, die deutlich machen, wie wenig wirksam und praxisnah die Corona-Hilfen sind. Soundspower Event hat bisher Glück – denn nach einem erfolgreichen Jahr 2019 waren noch Reserven da, und das Unternehmen ist kreativ, sucht nach neuen Wegen, auch unter Corona-Bedingungen Veranstaltungen zu organisieren. Es sind längst nicht so viele wie sonst, aber immerhin.
So haben sie sich „Mit Distanz um den Teich“ ausgedacht, eine Veranstaltung am 14. und 15. August, deren „Bühne“ auf einer Art Steg-Insel im Teich des Optikparks in Rathenow liegt, was eine „300 Meter lange 1. Reihe um den halben Teich herum“ ermöglicht – oder im Klartext: viele Teilnehmer:innen bei gleichzeitiger Gewährleistung des Abstandsgebots. Beklagt haben sich die Geschäftsführer aber über die Unwilligkeit mancher Ordnungsämter, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, eine Veranstaltung zu ermöglichen und nicht pauschal alles abzulehnen. Die Unterschiede zwischen Ordnungsämtern seien groß, in manchen wird alles abgelehnt, was mit Musik zu tun hat, selbst wenn es eine Kunst-Veranstaltung mit Hintergrund-Musik durch einen DJ ist oder man wie beim Laut und Bunt Festival ein Konzept vorlegt, das Tanzen auch mit Distanz ermöglicht, etwa durch aufgezeichnete Tanzkreise.

Tonpult-Zelt mit Philipp Günther (Geschäftsführer)

Viele Menschen haben keine Vorstellung davon, wie stark die Eventbranche als Ganzes und wie viele ihrer Mitarbeiter:innen direkt und indirekt durch die Folgen der Pandemie betroffen sind. Deshalb findet es Philipp Günther gut, dass es Anfang September wieder eine Großdemo in Berlin geben soll, die darauf aufmerksam macht. Aluhüte will man dort keine sehen, aber endlich erreichen, dass die Berliner Politik die Not der Branche ernster nimmt und wirklich wirksame Hilfen ermöglicht. Sonst werden noch mehr Firmen pleite gehen und noch mehr bisher in der Veranstaltungsbranche Beschäftige ihren Wunschberuf an den Nagel hängen und auf irgendetwas ausweichen, was regelmäßiges Einkommen verspricht. Fachkräfte, die bisher Lichtshows am Brandenburger Tor planten, arbeiten z.B. nun als Elektriker auf dem Bau. Wenn daraus ein Trend wird, wird unsere Gesellschaft ärmer, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wir brauchen Kultur um uns herum, und dazu gehören nun mal Veranstaltungen, Festivals und Konzerte.

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