Anke Domscheit-Berg, MdB: Die Rote Villa in Velten – Eine eingeschworene Gemeinschaft

Ein Versprechen aus dem Mai habe ich heute endlich eingelöst. Damals hatte ich für die Mitarbeiter:innen der Lebenshilfe Wohnstätte für Behinderte in Velten “Rote Villa” ein Paket mit Gesichtsschutzvisieren per Post auf die Reise geschickt und für einen späteren Termin einen Besuch versprochen. Heute war es also soweit!

Zum Hintergrund: Zu Beginn der Pandemie haben wir im Fürstenberger Verstehbahnhof eine kleine Produktion für Gesichtsschutzvisiere auf die Beine gestellt, da dieser zusätzliche Schutz zur Mundnasenmaske damals kaum zu bekommen war. Anfangs haben wir die Kopfhalterung noch mit 3D Druckern hergestellt und die Visierfolien mit dem Lasercutter ausgeschnitten, was sehr aufwändig war (z.B. mußte man nach dem Lasern die Folien beidseitig polieren – ich bekomme bei der Erinnerung die vielen Hundert gewienerten Folien gleich Phantomschmerzen im meinem Handgelenk). Aber das Netzwerk Offener Werkstätten kooperierte auf sehr effiziente Weise und fand so einen Spritzgusshersteller in Sachsen, der die Kopfteile herstellen konnte und eine Buchdruckerei in Potsdam, die uns die Folien ausstanzte. So konnten wir allein im Verstehbahnhof fast 10.000 solcher Visiere ausgeben – ein paar davon landeten auch in der Roten Villa.

Die Covid-19 Gefahr ist zwar noch nicht gebannt, aber im Garten und mit gebührender Distanz haben wir uns gegenseitig geschützt. Durch das Haus bin ich nur kurz zur Besichtigung mit Maske (und sogar mit Visier darüber) gelaufen. Andreas Saffert, seit 2007 der Leiter der Wohnstätte in Trägerschaft der Lebenshilfe Oberhavel Süd, erzählte mir, wie die Gemeinschaft durch die letzten Monate kam. Bereits am 18. März ging die Wohnstätte in den Lockdown und hatte von einem Tag auf den anderen alle 24 dort Wohnenden Menschen – die normalerweise tagsüber in einer Werkstatt arbeiten – rund um die Uhr zu betreuen.

Das ist nicht nur finanziell eine Herausforderung für die Einrichtung – denn von einem Tagessatz in Höhe von 4,80€ (!) pro Bewohner:in müssen täglich alle Mahlzeiten bezahlt werden, es ist auch auf einmal viel mehr Personal nötig – das nicht da ist (nur 3 Verstärkungskräfte kamen aus dem Beratungsbereich, der vorübergehend geschlossen hatte) und es braucht neue Tagesstrukturen und sinnvolle Beschäftigungen für die Bewohner.innen. In der Roten Villa war man da sehr kreativ. Andreas Saffert ist stolz, als er uns durch Hof und Garten der Roten Villa führt und zeigt, was dort alles von den Menschen mit Behinderungen gemeinsam in den letzten Monaten neu geschaffen wurde: Eine ganze Terasse mit Segeldach und Blumenkästenbegrenzung entstand durch ihre Hände, ein weiterer Sitzplatz mit Dach um die Ecke, eine ganze Reihe Partybänke wurden abgeschliffen und gestrichen. Selbst das Unkraut aus den Ritzen verschwand. Es ist schöner und gemütlicher geworden!

So zeigt der 44-Jährige, was mit Kreativität und Leidenschaft bei der Arbeit möglich ist – auch wenn immer noch unklar ist, wie und wann zum Beispiel die Kosten für die verbauten Materialien erstattet werden. Für Andreas Saffert war das Wichtigste, dass man den Lockdown ohne Konflikte und Lagerkoller übersteht – das haben er und sein Team gut hinbekommen. Alle waren solidarisch miteinander und haben gemeinsam die schwere Zeit so hinter sich gebracht, dass sie das Beste daraus machen konnten. Und so ist nicht nur der Leiter der Wohnstätte stolz auf die neue Gartenausgestaltung, sondern auch die Bewohner:innen selbst, denn sie ist das Ergebnis ihrer eigenen Hände Arbeit.

In diesem Jahr wird die Lebenshilfe 30 Jahre alt. Eigentlich war geplant, deshalb das jährlich stattfindende Sommercamp und Hoffest riesengroß aufzuziehen. Die große Geburtstagsfeier muss Corona-bedingt leider etwas warten. Gefeiert wird heute aber trotzdem, nur eben ohne Gäste, auch ohne Angehörige. Die Partyzelte waren schon aufgebaut, Der DJ spielte ein Lied nach dem Anderen, der Pflaumenkuchen fand schnell Genießer und in einer Ecke stand auch schon die Gulaschkanone bereit. Im Garten zelten sonst über 100 Menschen im Sommercamp, diesmal zelten dort nur die Bewohner:innen – aber auch die Betreuer:innen sind mit von der Partie – wer hier arbeitet, macht nicht nur einen Job für Geld, sondern will einen Unterschied machen durch seine Arbeit.

Solche Einrichtungen sind so wichtig, da ist es kaum erträglich, immer nur von “Dank an die Held:innen” zu hören, aber nie von einer Gehaltserhöhung oder nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Nicht einmal die einmalige Corona-Prämie gibt es für Menschen in der Pflege, die bei freien Trägern arbeiten. Gerecht ist das nicht. Es kann auch nicht sein, dass die Verfahren bürokratisch und unflexibel sind und finanzielle Unsicherheit bleibt. Ständig müssen Träger wie der Lebenshilfe e.V. in Vorleistung gehen, ohne zu wissen, wann Ausgaben erstattet werden – und von wem. Viele hundert Überstunden haben die Beschäftigten der Roten Villa durch die Mehrfachbelastung in den letzten Monaten angesammelt. Es ist ziemlich ausgeschlossen, bei dem Personalstand diese Überstunden jemals abzubummeln. Sie müßten also schlicht bezahlt werden. Ob das möglich ist oder nicht – das weiß man in der Roten Villa auch noch nicht – die Prozesse sind zu langsam, die Unsicherheit bleibt.

Dabei sollten wir froh sein, dass es Menschen wie Andreas Saffert und seine Mitstreiter:innen gibt, denn so engagierte Menschen, die in einer Krise zupacken und vor Ideen nur so sprühen, braucht unser Land viel mehr. Ich sage Danke – aber da ein Danke nicht reicht, wird die Linksfraktion im Bundestag weiter Druck machen dafür, dass sich auch strukturell etwas zum Besseren verändert.

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