Christine Buchholz, MdB: Predigt in der Berliner Martha-Gemeinde

Am Sonntag, den 13. September 2020 durfte ich in der Martha-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg predigen. Es ging um die Geschichte des Oberzöllners Zachäus; um strukturelle Ungerechtigkeit, Korruption, Gerechtigkeit und Veränderung – Themen, die aktueller nicht sein könnten.

Liebe Brüder und Schwestern,
ich freue mich, heute hier bei Ihnen und Euch zu predigen.
Es ist ja wahrlich kein Standardtermin für eine Bundestagsabgeordnete und dann noch eine von der LINKEN.
Und ich möchte zunächst erzählen, wie es dazu kam, dass ich die Martha-Gemeinde kennenlernte.
Im Frühjahr dieses Jahres las ich darüber, wie die Marthagemeinde während des Lockdowns der muslimischen Daressalam-Gemeinde aus Neukölln ihre Türen öffnete. So konnten die Gläubigen unter Corona-Bedingungen ihr Freitagsgebet während des Ramadan durchführen.
Das fand ich großartig und bat die Pastorin Monika Matthias und den Imam Taha Sabri um ein Treffen, dass dann auch hier in der Kirche stattfand.
Es war ein anregendes Gespräch.
Wir sprachen über das Gemeindeleben unter Corona-Bedingungen, aber auch über die Anfeindungen, die die Daressalam Gemeinde erlebt.
Die beherzte und solidarische Art mit der Sie geholfen haben, hat mich beeindruckt. Sie haben ein Zeichen der Solidarität gesetzt. Sie haben ihre Stimme erhoben.
Genauso wie sie eben die Stimme erhoben haben angesichts der Katastrophe von Moria und der Abschottungspolitik der EU.

Wir sprachen über weitere Themen, die viele Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime religiöse und nicht religiöse Linke wie mich umtreiben.
Und so endete das Gespräch mit der Einladung zur Sonntagspredigt, die ich ohne lange zu zögern annahm.

Und nun stehe ich hier.
Vielen Dank für die Einladung!

Der heutige Predigttext die Geschichte von Zachäus ist ein guter Ausgangspunkt.
Wir sprechen über Gerechtigkeit.
Über Reichtum und Armut
Korruption
Unterdrückung
Unterschiedliche Lebenschancen
Veränderung

Themen, die uns auch heute beschäftigen – in dieser Gesellschaft, aber auch im globalen Maßstab.

Der Oberzöllner Zachäus ist Angehöriger der reichen Oberschicht.
Er lebt in Jericho, einer Stadt am Rande des Römischen Imperiums, im Herrschaftsgebiet des Vasallenfürsten Herodes. Als Chef der Zöllner und Steuereintreiber ist Zachäus Kollaborateur der römischen Besatzungsmacht, hat eine Machtposition. Denn das komplexe System aus Steuern, Pacht und Abgaben ist hauptsächlich verantwortlich für die Verarmung und Verelendung der Massen.
Diese Machtposition hat er zu eigenen Gunsten ausgenutzt – gibt er doch nach der Begegnung mit Jesus zu, sich unrechtmäßig bereichert zu haben.
Nach der Begegnung mit Jesus, der bei ihm im Haus einkehrt, kündigt er an, die Hälfte seines Besitzes an die Armen zu geben und die, die er betrogen hat, mit dem vierfachen zu Entschädigen.

Das ist erstmal viel.
Schuldeingeständnisse und Entschädigung sind nicht selbstverständlich.
Aktuellstes Beispiel ist der Nicht-Umgang der Bundesregierung mit den Cum/Ex-Geschäften – dem größten Steuerraub der Geschichte. Bei dem  Aktien hin- und hergeschoben und Steuern erstattet wurden, die nie bezahlt worden waren.
Dieser Umgang mit dem Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ist nicht neu.
Wer übernimmt Verantwortung dafür, dass die Steuern auf Gewinne aus Kapital und Aktien heute weniger als die Hälfte von dem entsprechen, was unter Helmut Kohl gezahlt werden musste?
Wer übernimmt die Verantwortung für die Verarmung und Enteignung durch Hartz IV – während gleichzeitig der Spitzensteuersatz gesenkt wurde.

Auch bei den Kolonialverbrechen tut sich Deutschland schwer mit Schuldeingeständnissen und Entschädigung.
Die Deutsche Kolonialmacht hatte Aufstände der Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, während der Jahre 1904 bis 1908 niedergeschlagen.
Erst 110 Jahre nach dem kolonialen Vernichtungskrieg war die deutsche Bundesregierung bereit, den Völkermord an den Herero und Nama beim Namen zu nennen.
Immer noch ziert sie sich die Bundesregierung, angemessene Entschädigungen zu zahlen.

Schon die Tora kennt – neben dem Gerechtigkeitsprinzip, den Almosen für die Armen, und dem Gewalt- und Willkürverbot gegenüber den Armen –  das Prinzip des Täter-Opfer-Ausgleichs.
Nach ihr wird eine Entschädigung des Geschädigten festgelegt, die Voraussetzung  für Versöhnung ist.
Dieser Gedanke steht auch hinter dem Jubeljahr, bei dem es um Schuldenerlass und Landreform geht.
Es ist doch erstaunlich wie aktuell diese mehr als 2000 Jahre alten Überlieferungen sind.

Aber die Umkehr des einzelnen reicht nicht. Die Geschichte von Zachäus wirft auch die Frage auf, wie gerechte Strukturen geschaffen werden können
Diesen Gedanken findet man auch in dem Zachäus Projekt des Ökumenischen Rates der Kirchen, der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und dem Lutherischen Weltbund.
Sie bringen damit wichtige Forderungen in die gesellschaftliche Debatte:
So die Forderungen nach Steuergerechtigkeit, wie der Einführung von Vermögenssteuern auf globaler und nationaler Ebene, sowie die Bekämpfung von Steuerhinterziehung.
Sie verbinden dies mit der Forderung nach Reparationszahlungen für  Verbrechen des Kolonialismus und der Sklaverei.
Und sie fordern einen Schuldenerlass, um Ländern des Südens eine Perspektive der Gerechtigkeit zu geben, die durch Kolonialismus, ungerechte Handelspolitik der großen imperialistischen Mächte und die neoliberale Strukturanpassungsprogramme systematisch verarmt wurden.
Das eröffnet eine Perspektive auf Veränderung und Umverteilung:
Die Umkehr von den Prinzipien des Neoliberalismus, dem Primat des Profits.

Nicht der einzelne oder die einzelne ist verantwortlich für das Elend in dem er oder sie lebt.
Diese Perspektive gibt den Menschen Kraft, die in den letzten Jahren Opfer der Politik der Deregulierung und des Sozialabbaus geworden sind.
Ich denke an Christine Sparr, die Leiterin der Tafel in meinem Wahlkreis Offenbach. Sie versorgt zusammen mit vielen, die selbst erwerbslos sind oder von einer kleinen Rente leben, mit einer unglaublichen Empathie Menschen mit dem nötigsten, die inmitten des gesellschaftlichen Reichtums in bitterer Armut leben. Und sie kämpfte auch dann weiter, als ein Rohrbruch nahezu sämtliche Lebensmittel im Lager zerstört hatte. Oder wenn sie mit einer Flut an neuen Anfragen während der Pandemie umgehen muss. „Noch nie im Leben habe ich so viel gearbeitet“ sagt sie. “Offenbach mag zwar keine reiche Stadt sein, dafür stehen wir aber zueinander wie nirgendwo anders“

Ich denke an die Farina Kerekes, die junge Verkäuferin hat eine Kampagne gestartet für Tarifbindung und bessere Bezahlung im Einzelhandel. Nach dem Lockdown wurden die Verkäuferinnen als systemrelevant eingestuft, sollen jetzt auch Sonntags arbeiten und haben über einen Monat keine Schutzmasken bekommen.
Sie forderte kurzfristig eine Gefahrenzulage für alle Beschäftigten- Schutzmasken für alle – und langfristig höhere Löhne und allgemeinverbindliche Tarifverträge.

Die beiden Beispiele zeigen: man kann die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern.

Die Geschichte von Zachäus hinterlässt bei mir aber auch Fragen und ein Unbehagen:

Warum gibt Zachäus die Hälfte ab und nicht alles was er unrechtmäßig erworben hat?
Warum bleibt er Oberzöllner?
Ist es nicht notwendig, das ganze System der Erpressung und Ausbeutung, die Unterdrückung durch das Römische Imperium zu beseitigen?
Denn die Menschen leiden und rebellieren weiter gegen das römische Zollwesen und die römische Besatzung.

Wie passt das dazu, dass der Evangelist Lukas an anderer Stelle viel radikaler den ungerechten Reichtum verurteilt und die Befreiung der Armen ankündigt.
So sieht Maria im Magnifikat den Umsturz voraus. Sie sagt:
„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Es ist der Zwiespalt zwischen Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse – und der Kooperation, dem sich Arrangieren mit denselben Verhältnissen.
Auch das kenne ich aus der Geschichte der Linken.
Hoffnung und Enttäuschung können sehr dicht beieinander liegen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal die Niedrigen, die Hungrigen in den Blick nehmen. Die Menge, die in der Geschichte von Zachäus am Straßenrand steht und Jesus erwartet. Die Menschen, die unter dem ungerechten Steuersystem und der Willkür der Steuereintreiber leiden.
Während sie warten, drängelt sich Zachäus vor und klettert sogar auf einen Baum, um Jesus besser zu sehen. Er benimmt sich so rücksichtslos wie in seinem Berufsleben.
Als Jesus ausgerechnet auf ihn zugeht und sich zu ihm nachhause einlädt, murren sie.
Das kann ich gut verstehen.

Und ich finde ihr Murren ist wichtig.
Vielleicht haben sie eine bedeutende Rolle gespielt bei der Umkehr von Zachäus?
Ist er auch umgekehrt wegen des Unmuts seiner Mitmenschen, die ihn verantwortlich gemacht haben für ihr Elend, die das Unrecht benannt haben?
Ich kann es mir gut vorstellen.
Es macht einen Unterschied, ob man seine Stimme erhebt oder nicht.

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