Cornelia Möhring, MdB: Abgeordnetenwort: Obdachlosigkeit kann jede und jeden treffen

Abgeordnetenwort – Erschienen am 5. Januar 2021 in: Pinneberger Tagesblatt, Elsmhorner Nachrichten, Ueternser Tageblatt, Barmstedter Zeitung, Wedel-Schulauer Tageblatt, SChenefelder Tageblatt, Quickborner Tageblatt  5. Januar 2021

Die Wohnung zu verlieren ist für Männer wie Frauen furchtbar und doch sind Frauen weit schutzloser. Auch ihr Umgang mit der Notlage ist anders. Frauen versuchen lange, den Schein zu wahren. Ihr Leben auf der Straße oder in Notunterkünften ist ihnen oft nicht anzusehen. Man kann die Betroffenen zudem nicht über einen Kamm scheren – sie haben verschiedene Lebenslagen.
Und so sind auch die Ursachen von Wohnungslosigkeit sehr unterschiedlich. Einige von ihnen sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in so eine Situation kommen würde! Dennoch wird ihnen eingeredet (und sie werfen es sich auch selbst vor), sie seien dafür selbst verantwortlich. Beim Jobcenter und anderen Ämtern machen Wohnungslose vor allem demütigende Erfahrungen. Kein Wunder also, wenn sie, mit einem schon geschwächten Selbstbewusstsein, lieber auf der Straße bleiben, als sich an das staatliche Hilfesystem zu wenden.

Um das zu vermeiden, ist die Begleitung durch Sozialarbeiterinnen zu Ämtern und Ärzten wichtig. In Deutschland gibt es solche Angebote allerdings meist nur in Großstädten und in Ballungsgebieten. Und das nicht einmal ausreichend. Dabei können ein geschützter Raum und professionelle Unterstützung oft der Rettungsanker sein, um in Würde in ein geregeltes Leben zurückzufinden.

Der Bedarf wird immer größer. Nach Schätzung der BAG Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland mindesten 59 000 wohnungslose Frauen. Tendenz steigend. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Bundesregierung lässt keine Statistik erheben, so als würde sie versuchen, das Problem damit unsichtbar zu halten. Die Folgen der Covid-19 Pandemie erschweren die Lage für alle Beteiligten. Die wenigen Plätze mussten in vielen Projekten halbiert werden, auch die Schlafgelegenheiten. Tagsüber ist es nicht mehr möglich, Aufenthaltsorte wie Bibliotheken oder Cafés zu nutzen. Die Kommunen sind zwar zur „ordnungsrechtlichen Unterbringung“ verpflichtet, doch es gibt zu wenige Unterkünfte und keinerlei Standards.

Grundsätzlich und langfristig braucht es mehr bezahlbaren Wohnraum, eine bundesweite Strategie zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit und die Finanzierung von unterstützenden Projekten. Im Winter und in der Pandemie ist die Bereitstellung von Zimmern, zum Beispiel in Hotels, sogar überlebensnotwendig. Was die Betroffenen immer brauchen ist unser aller Solidarität! Vor allem jetzt − wir dürfen nicht mehr länger warten. Dabei gilt: nichts aufdrängen. Aber fragen Sie doch einfach mal nach, ob Sie einen Kaffee oder Tee spendieren dürfen.

 

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