Die Künstliche Intelligenz und ich: Freie Bahn den freien Daten

Artikel in der Frankfurter Rundschau zu KI mit Erwähnung der Position von Jessica Tatti:

In der Diskussion über Künstliche Intelligenz kommt es auch darauf an, aus den eigenen Denkfallen herauszukommen.

Also, ich würde mich ja sehr gerne von einer Künstlichen Intelligenz unterstützen lassen. Und das nicht, weil bei mir – wie die Witzbolde unter Ihnen jetzt sofort gedacht haben – leider zu wenig natürliche vorhanden wäre. Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass eine Künstliche Intelligenz, die die Form der aufmerksamkeitsheischenden Niedlichkeit (Opernroboter Myon) ebenso hinter sich gelassen hat wie den Nebenerwerb der Spionage (Alexa), den Großteil meines Alltags viel besser bewältigen könnte als ich selbst. Effizienter, eleganter und auf gleichbleibendem Niveau. Was im Übrigen nicht gegen mich, sondern eher gegen den Alltag spricht.

Und weil ich gerne herausfinden würde, was ich mit meiner Zeit anstellen könnte, wenn alles Reproduzierbare von „jemand“ anderem getan würde, bin ich absolut für den Fortschritt in diesem Sektor. Aus humanistischen Gründen sozusagen.

Allerdings wird es wohl noch etwas länger dauern, bis unsereiner den Nutzen von der Sache hat. Am 20. Dezember, bei der letzten Sitzung des Bundestages vor Weihnachten, gaben die Mitglieder der Enquete-Kommission zur Künstlichen Intelligenz (KI) einen Überblick über ihren Arbeitsstand. Und klopften dabei alle mit den besten Absichten und im Takt ihres jeweiligen Parteibuchs, aber intellektuell doch irgendwie mit Hammer und Meißel auf dem Thema herum. Drei Projektgruppen gibt es: zu „KI und Wirtschaft“, „KI und Pflege“ und „KI und Staat“.

Der Refrain der
fraktionenübergreifenden Beiträge war, dass natürlich niemand
datenausbeuterische Zustände wie in China will, wo Bürgern auf der
Grundlage der digitalen Bewertung ihres Sozialverhaltens (Social
Scoring) gesellschaftliche Rechte beschnitten werden können.
Gleichzeitig wollten die Abgeordneten aber auch auf keinen Fall, dass
Deutschland den Anschluss an die international rasant voranschreitende
Entwicklung im Bereich der KI-Anwendungen verliert. Oder vielmehr: noch
weiter verliert. Mit eigenen Standards ganz schnell ins Handeln kommen
und sich dann am besten an die Spitze setzen, war der
Wünsch-dir-was-Tenor der Parteien.

Der
Parteien? Nein, der der Linken nicht. Der geht es eigentlich schon
jetzt zu schnell und vor allem zu heimlich voran, sie verlangt eine
Bürgerbeteiligung in Fragen wie der, wie viel KI in den Ämtern und in
der Öffentlichkeit eingesetzt wird, sowie eine Wertediskussion. Wenn
Rollstühle in die Lage versetzt würden, barrierefreie Wege zu finden,
dann fände sie das selbstverständlich gut, rief etwa die
baden-württembergische Linke-Politikerin Jessica Tatti in die schütter
besetzten Parlamentsreihen. Aber bei den meisten anderen Anwendungen
sähe sie Diskussionsbedarf!

Nun
ist der Gedanke an eine Stadt voll hilflos herumirrender
Rollstuhlfahrer, die sich ratlos von einem Treppenaufgang zum anderen
steuern, kein schöner. Aber eigentlich tun sie das ja auch jetzt schon
nicht, und wenn Barrierefreiheit beim öffentlichen Bauen Standard wäre,
hätte sich das Problem ohnehin erledigt. Tatsächlich zeigt das Beispiel,
welches Frau Tatti in der zweifellos allerbesten sozialen Absicht
gewählt hat, wie reflexhaft und kurz das Denken in Bezug auf den Nutzen
und den Preis einer Lebenshilfe durch Künstliche Intelligenz noch ist.

Denn
der selbst navigierende Rollstuhl wäre wohl nur scheinbar ein sozialer
Zugewinn für Menschen mit körperlichem Handicap. Zum einen wird
Betroffenen manchmal auch von Mitbürgern über Hindernisse schnell
hinweggeholfen. Zeitverlust durch Umwege sowie Absonderung könnten die
Folge sein. Zum anderen ließe sich die Streckenführung von möglichen
Werbepartnern manipulieren. (Auch mit dem Auto-Navi kann man ja
plötzlich von der Autobahn ab- und einer Fast-Food-Bude zugeführt
werden.) Vor allem aber würden dann alle Fahrten aufgezeichnet.

Wobei
es nicht schlimm ist, wenn der Hersteller-Computer weiß, dass eine
junge Rollstuhlfahrerin nach ihrem Einkauf bei dm (eigentlich wollte sie
zu Rossmann, aber siehe oben …) ins Kino gegangen ist und welchen
Film sie dort gesehen hat. Aber vielleicht fährt sie auch mal in den
Sexshop? KI + Rollstuhl = sozialer Daumen nach oben? Solange es keine
Handypflicht und flächendeckende Gesichtserkennung in der Öffentlichkeit
gibt, wäre ein vernetzter Rollstuhl definitiv eine diskriminierende
Maßnahme in Sachen Wahrung der Privatsphäre.

Oder
nehmen wir diesen Punkt: Die Projektgruppe „KI und Staat“ ist bisher zu
der vermeintlich volksberuhigenden Einsicht gekommen, dass in
Verwaltungsprozessen „lernende künstliche Systeme keine Ermessens- oder
Beurteilungsspielräume füllen dürfen“. Gleichzeitig wurde in der
Bundestagsdebatte ständig wiederholt, dass nicht der Algorithmus, wohl
aber der Mensch anfällig für Ungleichbewertung sei und man bei der
Programmierung aufpassen müsse wie ein Luchs, dass einem da nichts
unterkomme.

Wenn man nun aber
aufgepasst hat und der Algorithmus von Interessensverbänden auch rundum
schwarmevaluiert wurde – ist dann nicht er, also der KI-Mitarbeiter,
viel bewertungsstabiler als der einzelne Mensch, der vielleicht mal
schlechte Laune und wegen einer unglücklichen Jugendliebe generell ein
ungutes Verhältnis zu Rothaarigen hat? Müsste man also nicht vielmehr
sagen: Gerade der Ermessensspielraum in der Verwaltung sollte
ausschließlich von Künstlichen Intelligenzen genutzt werden dürfen?

Fragezeichen
umkreisen dieses Thema wie Ringe den Saturn. Prinzipiell jedoch gilt es
vielleicht, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Spätestens seit
Einführung der Lochkarte und der fordistischen Fertigungskultur, also
seit mehr als hundert Jahren, richtet der Mensch den Menschen in immer
weiteren Bereichen seines Lebens maschinenförmig zu. Das Ideal ist die
Maschine, wobei wir, obwohl wir sie entwickeln und füttern, selbst im
besten Fall weit hinter ihrer Leistung zurückbleiben. Dieser Wettlauf
ist nicht zu gewinnen. Solange man das nicht anerkennt, bleiben wir in
der gedanklichen Falle, zu glauben, über den Löwen in seiner eigenen
Höhle herrschen zu können. Warum überlassen wir nicht dem Löwen, was des
Löwen ist, und gehen lieber draußen, außerhalb der Höhle, spazieren?

Tatsächlich
könnte man sich das Leben ziemlich weitreichend in KI-Hand vorstellen:
vom Einkauf über die Hausarbeit bis zur Hausaufgabenkontrolle; und auch
die meisten beruflichen Tätigkeiten können sehr gut von KI-Kräften
erledigt werden. Wobei man nicht nur an KI-gestützte Generierung von
Produkten, sondern auch an den ebensolchen Konsum denken darf. KIs bauen
Autos, die sie kaufen, abbezahlen und durch die Stadt steuern. Und wir
sitzen im Fond und lesen. Oder machen das, was uns Freude bereitet. Denn
die Effizienz der KI-Ökonomie wird ausreichend Mehrwert abwerfen, um
die Menschen mitzufinanzieren. Und zwar alle. Schon jetzt müsste niemand
hungern auf der Welt. Wenn KIs ohne politische Vorteilnahme und
diskriminierende Denk-Parameter die Nahrungsproduktion und -verteilung
in ihre digitalen Hände nehmen dürften, gäbe es nicht mehr hier
Butterberge und dort Unterernährung. Wobei es jedem freistehen sollte,
die KI nach ihren Regeln tatkräftig zu unterstützen.

Aber
man könnte sich auch tatsächlich der Freude widmen. Denn das plötzliche
Lachen über einen Wortwitz, das Entzücken über eine Katze, die nichts
anderes tut als mit ernstem Gesicht hinter dem Sofa aufzutauchen, die
Rührung über ein Kind, das im Schlaf spricht, der Stolz über ein mit
eigenen Händen geschaffenes Unikat oder die Ruhe, die einen erfüllt,
wenn man Nebel aus Feldern aufsteigen sieht oder so lange Wellen zählt,
bis einem die Zahlen ausgehen – diese von ganz Wenigem und manchmal auch
von nichts ausgelöste Freude, die man als Energie und Inspiration in
die Welt zurückfließen lässt, ist nicht zu programmieren. Sie könnte
irgendwann das Einzige sein, das uns von den Peppers und Siris
unterscheidet. Aber das für immer.

Artikel in der Frankfurter Rundschau zu KI mit Erwähnung der Position von Jessica Tatti: In der Diskussion über Künstliche Intelligenz kommt es auch darauf an, aus den eigenen Denkfallen herauszukommen. Also, ich würde mich ja sehr gerne von einer Künstlichen Intelligenz unterstützen lassen. Und das nicht, weil bei mir – wie die Witzbolde unter IhnenRead More