Dr. André Hahn, MdB: Training im Freien muss möglich sein

Linkspolitiker André Hahn kritisiert die Corona-Regelungen im Breitensport

Am Mittwoch war der »4. Kinder- und Jugendsportbericht« Thema einer Expertenanhörung im Bundestags-Sportausschuss: Kinder und Jugendliche in Deutschland bewegen sich im Alltag zu wenig, sagt der Bericht. 83 Prozent der Heranwachsenden erfüllen nicht die WHO-Empfehlung von einer Stunde Bewegung pro Tag. Hat Sie das Ergebnis des Berichts überrascht?

Nicht wirklich. Aber ich war ja schon froh, dass die Anhörung überhaupt stattfand. Man wehrt sich seitens der Koalition mit Händen und Füßen dagegen, solche Themen im Sportausschuss zu behandeln, weil der Bund angeblich allein für den Spitzensport zuständig sei. Der Breiten- und Schulsport sei Sache der Länder. Ich habe das immer für einen Fehler gehalten. Uns überrascht die negative Entwicklung bei den Kindern und Jugendlichen nicht, die jetzt durch Corona noch verschärft wird. Nehmen wir nur mal das Thema Schwimmfähigkeit: Wenn 60 Prozent der Zehnjährigen heute nicht richtig oder gar nicht schwimmen können, ist das ein erschreckender Befund.

Wie kam es zu der Expertenanhörung?

Wir als Linke haben sie beantragt. Da gab es wie schon zuvor beim Thema Sportstättensanierung erst mal die Zuständigkeitsdiskussion, die ich eben beschrieben habe. Dann kamen die nächsten Bedenken: Können wir diesen Bericht, der nicht von der Bundesregierung, sondern von einer Stiftung erstellt wurde, überhaupt öffentlich besprechen? Für mich waren das alles Ausreden.

Als besonders dramatisch beschreibt der Bericht, der im Auftrag der Krupp-Stiftung von mehr als 20 Wissenschaftlerteams erstellt wurde, den Bewegungsmangel bei weiblichen Jugendlichen. Gerade Mädchen und junge Frauen sind in deutlich geringerer Zahl sportlich aktiv als ihre männlichen Altersgenossen. Woran liegt das? Und was kann dagegen unternommen werden?

Zunächst einmal ist das ein gravierendes Problem. Bezüglich der Ursachen gibt es nach wie vor wissenschaftlichen Forschungsbedarf und unterschiedliche Erklärungsansätze. Zum Teil hängt es wohl auch mit bestimmten Sportarten zusammen, die für Mädchen und Jungen offenbar unterschiedlich attraktiv sind. Jungen tendieren deutlich mehr zu populären Mannschaftssportarten wie Fußball, wo es zahlreiche Mitspieler braucht. Beim Turnen, der Rhythmischen Sportgymnastik oder dem Wasserspringen gibt es von Anfang an viele Sportlerinnen, die eher allein oder in kleinen Gruppen trainieren. Der Linken ist die Unterstützung des Mädchen- und Frauensports jedenfalls ein wichtiges Anliegen, aber die Möglichkeiten des Bundestages sind hier doch eher begrenzt. Vielmehr müssen die Vereine bei der Nachwuchsgewinnung unterstützt werden.

Wie beurteilen sie die Corona-Hilfsmaßnahmen in Sachen Breitensport?

Der Bund hat sich hier einen »schlanken Fuß« gemacht und vor allem die professionellen und semiprofessionellen Mannschaftssportarten unterstützt. Größere Vereine konnten das Kurzarbeitergeld nutzen. Das war richtig, aber insgesamt unzureichend. Die Hilfsprogramme in den Ländern waren bzw. sind sehr unterschiedlich konzipiert. Zum Teil gab es detaillierte Förderrichtlinien, anderswo wurden die Gelder über die Landessportbünde verteilt. Unbestritten wurden durchaus nennenswerte Beträge zur Unterstützung des Sports bereitgestellt, aber dennoch wird es in den Vereinen und Verbänden durch Corona erhebliche finanzielle Verluste geben, unter anderem durch fehlende Mitgliedsbeiträge und Zuschauereinnahmen. Was viel schwerer wiegt, ist aber, dass man über Monate hinweg überhaupt keinen Sport treiben konnte, weil einige Verbote wirklich lebensfremd und auch für mich nicht nachvollziehbar waren.

Welche meinen Sie?

Aktuelle Studien zeigen, dass es im Freien deutlich weniger Ansteckungsmöglichkeiten als in geschlossenen Räumen gibt. Ich kann niemandem erklären, warum Kinder nicht auf einem großen Sportplatz laufen, gemeinsam in kleinen Gruppen Fußball trainieren oder Leichtathletik betreiben können. Die SPD hat dazu im Sportausschuss etwas angekündigt. Ich bin gespannt, ob auch Taten folgen.

Was ist denn da genau passiert im Sportausschuss?

Andreas Silbersack, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, war als Sachverständiger da und hat eine dramatische Schilderung der Verhältnisse abgegeben: Dem Deutschen Olympischen Sportbund sind Zigtausende Mitglieder verloren gegangen. Viele Kinder treten derzeit erst gar nicht in Vereine ein, was auch gesundheitliche Beeinträchtigungen von Generationen nach sich ziehen wird. Mein SPD-Kollege Mahmut Özdemir hat sich für dieses klare Statement bedankt und gefordert, Sport im Freien wieder zuzulassen. Seine Fraktion sehe das genauso und werde darauf drängen, dass Infektionsschutzgesetz zu ändern.

Ist das realistisch?

Am Montagvormittag findet eine digitale Sondersitzung des Sportausschusses zum Infektionsschutzgesetz statt. Eventuell lässt sich ein Beschluss herbeiführen – vielleicht sogar fraktionsübergreifend? An uns soll das nicht scheitern, aber die Koalition sperrt sich leider in der Regel dagegen. Gerade im Sport sollte es aber nicht vorrangig um Parteipolitik gehen.

Worauf könnte man sich denn im Sportausschuss einigen?

Wir werden einen Änderungsantrag vorlegen, um nicht nur den Profi-, sondern auch den Schul- und Breitensport zumindest im Freien wieder zu ermöglichen. Vernünftige Hygienekonzepte dafür liegen seit Langem vor.

Mal angenommen, man einigt sich am Montag im Sportausschuss und findet tatsächlich eine gemeinsame Formulierung – wie wäre dann der weitere Ablauf?

Der für das Infektionsschutzgesetz federführende Gesundheitsausschuss tagt ebenfalls noch am Montag. Dort könnte ein von den Sportpolitikern vorgelegter Antrag in den Gesetzentwurf eingearbeitet werden. Die abschließende Entscheidung soll dann am Mittwoch im Plenum des Bundestages erfolgen.

Damit wären aber noch längst nicht alle Probleme gelöst, oder?

Natürlich nicht, denn die Beschränkungen blieben ja auch ohne Beschluss der »Notbremse« in Kraft. Aber der Schul- und Vereinssport bekäme endlich ein Signal, dass es auch wieder aufwärtsgeht. Außer bei den Profis gab es fast überall einen monatelangen Lockdown. Damit muss Schluss sein! Was jetzt dringend gebraucht wird, ist eine Strategie für den Re-Start im Sportbereich nach der Corona-Pandemie. Dabei könnte auch eine öffentlich geförderte Kampagne nach dem Motto »Komm zurück in den Sportverein!« helfen. Das wird aber nur erfolgreich sein, wenn es auch ausreichend und vor allem moderne Sportstätten gibt. Angesichts des Sanierungsstaus von über 30 Milliarden Euro hat die Linke einen Antrag eingebracht, dass durch den Bund zehn Jahre lang jeweils eine Milliarde Euro für den Neubau und die Sanierung von Sportstätten bereitgestellt werden soll, ohne Länder und Kommunen aus ihrer Mitverantwortung zu entlassen. Das wären lediglich 0,25 Prozent des Bundeshaushalts im kommenden Jahrzehnt. Union und SPD haben das am Donnerstag im Bundestag leider abgelehnt. Aber wir bleiben am Ball!

Quelle: nd, Jirka Grahl, 16.04.2021

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