Dr. Dietmar Bartsch, MdB: Spahns Ein-Euro-Versagen

Corona ist ein heimtückisches Virus. Die meisten Infizierten erkranken nicht lebensbedrohlich. Allerdings brauchen aktuell Tausende Menschen in Deutschland ein Krankenhaus und gutes Personal, um ihre Erkrankung behandeln zu lassen. Krankenhausbetten sind nicht das Problem. Selbst Notfallkliniken könnten wieder geschaffen werden. Aber was nützt ein Bett, wenn es zu wenig oder kein Pflegepersonal gibt? Niemand die Spritze setzt oder das Beatmungsgerät überwacht?

Die harten Arbeitsbedingungen in der Pflege kennt die Bundesregierung. Personalmangel und Stress kennt die Bundesregierung. Die viel zu schlechten Löhne kennt die Bundesregierung. Sie hat versprochen, die Dinge nachhaltig zu verbessern. Jens Spahn hat es versprochen. Verbessert hat sich für die Beschäftigten so gut wie nichts. Jens Spahn sagte jüngst, ob die derzeitigen Maßnahmen ausreichen und wirken, liege in der Verantwortung jedes einzelnen. Die Wahrheit ist: Dass die Dinge viel zu schlecht stehen, liegt auch am Gesundheitsminister. Der hatte im Frühjahr für die Menschen keine Masken und jetzt für das Personal kein Geld.

In den Kliniken sind die Löhne in der Pflege jetzt gestiegen: um 1,01 Euro pro Stunde. In Pflege- und Altenheimen um 0,86 Cent. Donnerwetter! Das ist keine Anerkennung, kein Programm um ausgeschiedenes Pflegepersonal zurück in den Beruf zu locken, keine Wertschätzung, sondern ein Hohn! Laut einer aktuellen Studie der Barmer Krankenkasse könnten 26.000 Pflegekräfte in Deutschland bei besseren Arbeitsbedingungen und besserer Bezahlung mehr im Einsatz sein. Hier wurde schlicht versagt.

Wo Menschen sich um Menschen kümmern, sind in Deutschland die Löhne leider mies. Das beginnt bei den Kleinsten – Erzieherinnen und Erzieher verdienen viel zu wenig. Und es endet bei den ganz Alten in der Pflege. Das ist ein strukturelles Problem, das wir uns nicht länger leisten können. Auch am Beispiel eines Rettungssanitäters wird es deutlich. In der höchsten Gehaltsstufe, mit jeder Menge Berufserfahrung, unzähligen geretteten Leben, Nächten ohne Schlaf, Bepöbelungen im Einsatz, ist der Lohn um rund 700 Euro geringer als bei einem Assistenzarzt am ersten Tag nach der Uni. Nein, ich will keinem Arzt an sein Gehalt. Aber ich will, dass wir in Deutschland spürbar endlich etwas für das so oft beklatschte systemrelevante Personal tun, die die Kinder erziehen und im Zweifel Leben retten.


Dieser Text ist heute zuerst als Gastbeitrag auf berliner-zeitung.de erschienen.

 

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