Jessica Tatti, MdB: Demo für die Beschäftigten von Galeria Kaufhof

Die Bundestagsabgeordnete Jessica Tatti sprach am Samstag, 11.7.2020, bei einer Kundgebung gegen die Schließung von Galeria Kaufhof in Stuttgart Bad Cannstatt. Die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft Verdi kämpfen für den Erhalt der Filiale. Galeria Kaufhof will mehrere Filialen in Baden-Württemberg schließen.

Die Rede von Jessica Tatti kann hier nachlesen werden:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Wir stehen hier vor der Filiale Galeria Kaufhof in Bad Cannstatt, weil ihre Schließung ansteht. Damit stehen die Beschäftigten vor den Scherben ihrer Existenz. Wir sind heute hier, um unmissverständlich klarzumachen, dass wir das auf keinen Fall hinnehmen werden!
Ich wurde als Bundestagsabgeordnete eingeladen, heute hier zu sprechen. Ich bin aber nicht nur als Politikerin, sondern auch als Verdi-Mitglied, als eure Kollegin, gekommen. Es ist mir eine Herzensangelegenheit euren Protest zu unterstützen.
Galeria Karstadt Kaufhof hat bundesweit einen krassen Kahlschlag angekündigt: Von der geplanten Schließungswelle sind bundesweit tausende langjährige Beschäftigte betroffen, darunter viele Frauen. Viele von ihnen haben Angst um ihre Zukunft, davor, ob sie noch einen anderen Arbeitsplatz finden werden.
Ich will euch Mut machen, gemeinsam mit eurer Gewerkschaft Verdi für eure Filiale einzustehen. Denn in anderen Städten haben die gemeinsamen Proteste von Beschäftigten, Gewerkschaften und Lokalpolitik erreicht, dass die Schließung von bislang sechs Filialen zurückgenommen wurde.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das bedeutet also, es lohnt sich für den Erhalt dieser Filiale zu kämpfen! Die Kolleginnen und Kollegen in Dortmund, Nürnberg, Goslar, in Potsdam, Chemnitz und in Leverkusen haben es vorgemacht und genau deshalb dürfen wir auch hier in Stuttgart nicht lockerlassen!
Der Eigentümer von Galeria Karstadt Kaufhof, der Milliardär und Immobilienspekulant René Benko muss sofort damit aufhören, die Corona-Krise für seine rabiaten Umstrukturierungsfantasien zu missbrauchen und sich auf dem Rücken der Beschäftigten zu bereichern. Er muss auch für weitere Filialen die Schließungspläne zurücknehmen!
Für Vertrauen kann in einer so schwierigen Situation nur gesorgt werden, wenn endlich offengelegt wird, welche Filialen tatsächlich rote Zahlen schreiben und wenn gemeinsam mit den Beschäftigten Lösungen gefunden werden. Es muss auch transparent gemacht werden bei welchen Filialen die roten Zahlen auf überhöhte Mieten zurückzuführen sind.
Die Bundesregierung hat es hier im Übrigen verpasst, rechtzeitig eine gesetzliche Möglichkeit zur Minderung von Mietkosten in der Corona-Krise zu schaffen. Es ist höchste Zeit, entsprechende Regelungen einzuführen. Und dafür muss sich die Große Koalition in Berlin endlich mit der Immobilienlobby anlegen, die bisher erfolgreich verhindert hat, dass auch sie ihren gerechten Beitrag zur Überwindung der Corona-Krise leisten muss.
Wenn die Große Koalition es nicht schafft dazu den Mut aufzubringen, könnten bald weitere Schließungen im Einzelhandel drohen. Es kann doch nicht sein, dass Filialen geschlossen werden und Menschen ihre Arbeit verlieren, nur damit Immobilieneigentümer in Krisenzeiten nicht von ihren überhöhten Renditevorstellungen abrücken müssen!
Das Absurde bei Galeria Karstadt Kaufhof ist dabei, dass Immobilienbesitzer und Warenhausbetreiber in vielen Fällen ein und derselbe sind. Benko zeigt jetzt seine wahren Absichten, die er beim Kauf der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filialen hatte:
Sie stehen auf wertvollsten Innenstadtflächen. Und es ist weitaus profitabler, die Grundstücke und Gebäude anders zu vermarkten als die Warenhäuser zu betreiben und die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern. Es mag bequemer für Benko sein, seine nächsten Milliarden mit Vermietungen und Immobilienprojekten zu machen als damit, ein Handelsunternehmen in die Zukunft zu führen.
Aber sich auf so unsoziale Weise vor seiner Unternehmer-Verantwortung zu drücken, ist schäbig und feige. Deshalb wollen wir heute klarmachen, dass es nicht länger die Beschäftigten sein dürfen, die mit ihrer Existenz für Habgier und Missmanagement bezahlen!
Und was macht eigentlich die Stadt Stuttgart in dieser Sache?
Es ist doch von Relevanz für die Stadt, wenn große Kaufhäuser geschlossen werden. Das wird ohne Zweifel auch krasse Auswirkungen haben auf den kleineren Einzelhandel in der Umgebung, weil er doch bislang auch davon profitiert, dass die Leute wegen Kaufhof in die Stadt kommen.
Hat Oberbürgermeister Kuhn kein Interesse am Einzelhandel und an den Beschäftigten? Noch nicht einmal an den Gewerbesteuereinnahmen, die dem Stuttgarter Haushalt und letztlich den Bürgerinnen und Bürgern dadurch verloren gehen?
Es geht um mehr als um irgendein Warenhaus. Bad Cannstatt braucht das Kaufhaus! Die Cannstatter können hier Einkäufe erledigen, für die sie sonst in Zukunft in die Innenstadt fahren müssen. Vielleicht werden sie aber auch nicht in die Innenstadt fahren, sondern im Internet einkaufen. Der Online-Handel übt ohnehin schon massiven Wettbewerbsdruck auf den Einzelhandel aus. Er stärkt Konzerne wie Amazon und damit Arbeitsplätze mit miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen. Er stärkt Konzerne, die sich überall vor Steuern drücken, aber Subventionen abgreifen. Wenn das die Zukunft des Handels ist, ist das katastrophal für unser Gemeinwesen und für die Beschäftigten.
OB Kuhn täte gut daran, sich entschlossen für den Erhalt von Galeria Kaufhof in Bad Cannstatt einzusetzen. Lasst uns ihm Druck machen, damit er mit uns gemeinsam Druck macht – für den Erhalt von Galeria Karstadt Kaufhof in Bad Cannstatt und auch von Galeria Kaufhof Sport in der Königstraße.
Bleibt dran, Kolleginnen und Kolleginnen. Es ist jetzt nicht die Zeit eure Filiale aufzugeben, es ist die Zeit um sie zu kämpfen!

11.7.2020, Jessica Tatti, MdB (DIE LINKE)

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