Jessica Tattis Rede zum VVN-Gedenktag

Gedenkfeier der VVN-BdA Reutlingen für die Opfer des Nationalsozialismus und der braunen Gewaltherrschaft am Totensonntag, 25.November 2018, 10:00 Uhr, vor dem Mahnmal Friedhof Unter den Linden, Reutlingen. Hier der Redebeitrag der Bundestagsabgeordneten Jessica Tatti:

Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

wir gedenken heute denen, die uns bis heute mahnen, wachsam zu bleiben. Es bedrückt mich, dass uns die Gegenwart auch dazu zwingt, mehr als ich es je für möglich gehalten hätte.

Eine Gegenwart,
in der die AfD in Thüringen über 20 Prozent der Wählerstimmen
mobilisieren kann – mit einem Spitzenkandidaten, der offen
faschistische Positionen vertritt – bei dem niemand mehr behaupten
kann, man wüsste nicht, wem man die Stimme gibt und in wessen Geiste
er steht.

Im Bundestag
hetzt die die AfD unermüdlich gegen Flüchtlinge und Muslime – und
ihr unglaubwürdiger Kampf gegen Antisemitismus gilt nicht der
Solidarität mit jüdischen Menschen, sondern einzig dem Hass gegen
den Islam.

Aber weder
geflüchtete oder muslimische Menschen sind es, die uns bedrohen,
sondern der fahrlässige Sozialstaatsabbau der vergangenen
Jahrzehnte. Die Bedrohung heißt Altersarmut, sie heißt Wohnungsnot
und Niedriglöhne, ungerechte Verteilung der Vermögen, sie heißt
Aufrüstung für Abermilliarden und sie heißt Rassismus. Das sind
die Missstände gegen die wir eintreten müssen, die mit den
Nährboden dafür bereitet haben, dass erneut eine rechtsradikale
Partei in Deutschland Fuß fassen konnte.

Lasst uns aber
auch dankbar dafür sein, dass über 85 Prozent der Wählerinnen und
Wähler der AfD keine Stimme geben. Wir können laut und deutlich
sagen: Wir sind mehr!

Bei einer
Ausschussreise des Bundestages vor kurzem nach Warschau wurde mir
einmal mehr vor Augen geführt wie sehr die Geschichte eine Rolle für
unsere Gegenwart und für unsere Zukunft spielt und wie bedeutend es
ist, sie zu kennen und vor allem eine Lehre aus ihr zu ziehen.

Warschau macht
heute den Eindruck einer intakten, altehrwürdigen Stadt. Der Schein
trügt, denn die alt erscheinenden Gebäude wurden mühsam
wiederaufgebaut, nachdem Warschau 1944 auf Befehl Adolf Hitlers
völlig zerstört wurde. Haus für Haus, bis nichts mehr von Warschau
übrig war.

Die deutsche
Wehrmacht eroberte Polen im September 1939, der II. Weltkrieg brach
aus. Das Land wurde durch die Eroberer brutal terrorisiert. Die
Polinnen und Polen wurden entrechtet, zur Zwangsarbeit gezwungen und
deportiert.

Die polnische
Heimatarmee, Armia Krajova, kämpfte gegen die Besatzer. Ende 43
bestand sie aus 350.000 Kämpferinnen und Kämpfern. Im Sommer 1944
erfolgte der Aufstand gegen die Wehrmacht. Die Rote Armee war vom
Osten her auf dem Vormarsch und verhieß Befreiung für Warschau.
Doch so lange wollten die polnischen Kämpfer nicht auf ihr
Eintreffen warten. Sie entschieden sich, ihre Stadt und das Leben
ihrer Einwohner zu verteidigen.

Sie stürmten am
1. August 44 um 17 Uhr die wichtigsten deutschen Stützpunkte in
Warschau. Drei Tage später marschierte die polnische Heimatarmee
durch die von ihr befreiten Viertel. Tausende Warschauer atmeten auf.
Nur vorerst.

Denn viele
strategische Ziele befanden sich weiterhin in der Hand der Deutschen.
Die grausame Antwort auf den Aufstand erfolgte am 5. August. Warschau
wurde auf Befehl Hitlers dem Erdboden gleich gemacht. Ohne Erbarmen
wurden sowohl Männer und Frauen als auch Kranke, Kinder und
Säuglinge getötet.

Die polnische
Heimatarmee war militärisch unterlegen und kämpfte mit dem Mut der
Verzweifelten, während die deutsche Luftwaffe begann Warschau zu
bombardieren. Die letzte Hoffnung auf Rettung durch die Rote Armee
zerschlug sich. Am 11. August begannen Wehrmacht und SS auch die
Altstadt Warschaus anzugreifen, am 1. September war sie erobert,
zehntausende Leichen säumten die Straßen. Gestorben durch
Waffengewalt oder durch die gekappte Wasserversorgung verdurstet. Als
sich der Befehlshaber der polnischen Heimatarmee nach 63 Tagen zur
Kapitulation entschloss, waren 200.000 Menschen tot. In ganz Polen
fielen sechs Millionen Menschen diesem Krieg zum Opfer. Welch
unbeschreibliches Leid ging von dem Boden aus, auf dem wir stehen!

Viel früher, am
8. November 1939 verübte Georg Elser im Münchener Bürgerbräukeller
einen verfehlten Anschlag auf Adolf Hitler und nahezu die gesamte
NS-Spitze.

Lange Zeit war es
selbst nach 1945 schwierig an ihn als Widerstandskämpfer zu
erinnern. Genau das will ich heute tun. Ich will an Georg Elser
erinnern, weil er viel früher als andere erkannte, worauf Hitlers
Politik abzielte. Er brachte seine Ablehnung der NS-Ideologie auch
öffentlich zum Ausdruck und verweigerte den Hitler-Gruß.

Darin sollte er
uns Vorbild sein. Sich nicht zu ducken vor Menschenverachtung, sie
nicht zu übersehen sondern ihr aktiv entgegenzutreten. Genau das ist
auch heute der Auftrag von uns Antifaschistinnen und Antifaschisten –
sei es in Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden und Vereinen
oder sei es an jedem Einzelnen selbst.

Anfang 1944
eroberten alliierte Truppen erstmals deutschen Boden. Die Befreiung
jährt sich zum 75. Mal. Schon bald werden restlos alle Täterinnen
und Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer, alle Heldinnen und Helden
und alle Zeugen dieser Zeit nicht mehr am Leben sein. Umso wichtiger
sind das Gedenken und unsere kollektive Erinnerung. Sie bieten uns
Schutz vor Wiederholung. Denn der Tod von Körpern bedeutet nicht den
Tod von Ideologie, von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Extremismus
und Faschismus.

Gerade
diejenigen, die sich heute der Redeweisen aus dem Nazismus bedienen,
schwingen sich zu heuchlerischen Verteidigern der Meinungsfreiheit
auf. Wer ihnen widerspricht, wird von ihnen zum Feind der
Meinungsfreiheit erklärt. Die AfD hatte zu diesem Thema sogar eine
Aktuelle Stunde im Bundestag beantragt und quasi den Niedergang der
Meinungsfreiheit ausgerufen, weil man nicht mehr alles sagen dürfe.
Was für ein Unsinn, liebe Freundinnen und Freunde.

Gerade durch die
Meinungsfreiheit besteht kein Anspruch darauf, dass einem nicht
widersprochen wird. Es ist das Gebot der Stunde, denen zu
widersprechen, die erneut Hass und Zwietracht säen und Menschen zu
Sündenböcken erklären.

Umso mehr macht
es mich wütend, dass der VVN vergangenen Freitag durch die
Finanzbehörden in Berlin ihre Gemeinnützigkeit aberkannt wurde.
Einer Organisation, die sich dem Schwur von Buchenwald so authentisch
wie keine andere verbunden fühlt, weil sich ihre Ursprünge bis in
die Konzentrationslager und Zuchthäuser zurückverfolgen lassen. Als
eingekerkerte Gegnerinnen und Gegner Adolf Hitlers Pläne schmiedeten
– für ein von den Nazis befreites Deutschland.

Diejenigen von
ihnen, die überlebten, gründeten kurz nach Ende des II. Weltkrieges
die VVN.

Der VVN-BDA die
Gemeinnützigkeit zu entziehen, bedeutet sie in ihrer Existenz
anzutasten.

Dieses Mahnmal,
vor dem wir uns heute versammeln, verdankt seine Entstehung der
Reutlinger Kreisvereinigung der VVN, im weiteren Verlauf der VVN
gemeinsam mit der Stadt Reutlingen.

Der VVN
Linksextremismus vorzuwerfen verrät ihre Entstehungsgeschichte und
fällt den antifaschistischen Kräften in unserem Land in den Rücken
– und das in einer Zeit, in der sie so dringend gebraucht werden. In
einer Zeit, in der der NSU ungehindert Menschen ermordete, in einer
Zeit, in der Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten getötet
wurde und in der in Halle ein Anschlag auf eine Synagoge verübt
wurde, bei dem zwei Menschen starben.

Ich halte die
Entscheidung für geschichtsvergessen und für einen fatalen Fehler
und werde deshalb in die VVN eintreten, um meine Solidarität zu
bekunden.

Überall wo
Menschen verachtet, unterdrückt und gedemütigt werden, muss unser
Widerstand sowohl ungebrochen als auch ungeteilt bleiben. Nie wieder
heißt auch nie wieder.

Gedenkfeier der VVN-BdA Reutlingen für die Opfer des Nationalsozialismus und der braunen Gewaltherrschaft am Totensonntag, 25.November 2018, 10:00 Uhr, vor dem Mahnmal Friedhof Unter den Linden, Reutlingen. Hier der Redebeitrag der Bundestagsabgeordneten Jessica Tatti: Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, wir gedenken heute denen, die uns bis heute mahnen, wachsam zu bleiben.Read More