Petra Sitte, MdB: In Berlin und (H)alle dabei – Stimmgewalt

Die Stimme ist ein innovatives Ding. Die meisten Menschen haben sie. Sie entsteht, wenn die Ausatemluft von unten gegen die Stimmlippen im Kehlkopf strömt und diese in Schwingung versetzt. Wie bei einer Gitarrensaite erzeugt die Schwingung der Stimmlippen dann einen Ton, der ja nach Länge und Spannungsgrad der Stimmlippen höher oder tiefer sein kann. Wenn dann auch noch das äußerst präzise und komplexe Zusammenspiel von Lippen, Zunge und Kiefer dazukommt, entstehen Laute, die uns verständliche Wörter sprechen lassen. Manche von uns können sogar einen so sauberen Ton fabrizieren, also singen, dass sie damit auf Bühnen stehen können. Andere können Worte und Stimme in Kombination so geschickt einsetzen, dass wir ihnen gern zuhören, wenn sie Reden halten, ein Märchen vorlesen oder uns etwas Wissenswertes erklären.

Die Stimme ist ein persönliches Ding. Sie ist Ausdruck unserer Persönlichkeit. Gefühle und STIMMungen werden über sie transportiert. Wir hören an der Stimme, ob es einer Person gut oder schlecht geht, ob sie erkältet, wütend, traurig, unsicher, glücklich ist, uns ein Geheimnis verrät oder einen Befehl erteilt.

Die Stimme ist ein wundersames Ding. Kleine Meerjungfrauen wissen, wie kostbar sie ist. Stimmen können sich in Frösche verwandeln, man kann sie ölen, sie kann verloren gehen und wiedergefunden werden. Mit ihr lassen sich Dinge an- und abstimmen. Sie kann sich verstimmen und übereinstimmen. Es lässt sich mit ihr zustimmen. Sie hat einen Tonfall, der uns nicht immer gefällt. Sogar das Herz und die Vernunft haben eine Stimme.

Die Stimme kann Menschen berühren, sie antreiben, begeistern, motivieren, zerstören, verletzen und aufhetzen. Jeder Mensch kann seine Stimme nutzen, um andere zu inspirieren, dazu zu bewegen, etwas Bestimmtes zu tun, oder sie erheben, um seiner Meinung Ausdruck zu verleihen. Manche Menschen gehen mit ihr auf die Straße, um #FreeJulianAssange zu skandieren oder #BlackLivesMatter. Andere stellen sich auf Bühnen und nutzen ihre Stimmen, um sich mit Sophie Scholl oder Anne Frank zu vergleichen – was sie in unserer Demokratie auch ungestraft dürfen, auch wenn sie es nicht glauben wollen – oder um deutlich zu machen, „für so einen Schwachsinn“, also die Verharmlosung des Holocaust, keinen Ordner mehr machen zu wollen.

Noch etwas können wir alle mit unserer Stimme. Wir können sie abgeben. Nein, nicht an der Garderobe, sondern in einer ganz bestimmten Sammelstelle – einem Wahllokal. Dieses Jahr wird das den Menschen in Sachsen-Anhalt gleich zweimal ermöglicht. Am 6. Juni finden Landtagswahlen statt und am 26. September Bundestagswahlen. Auch wenn manche Menschen den Glauben in die Macht ihrer Stimme in den letzten Jahren verloren zu haben scheinen, so können jüngste Ereignisse um die US-Wahlen deutlich zeigen, wie mächtig die Stimme jedes einzelnen ist. Bei den Präsidentschaftswahlen 2020 haben so viele Menschen gewählt wie in den letzten 100 Jahren nicht mehr. Die Mehrheit wollte eine Veränderung, einen Neuanfang und ein Ende von Hass, Gewalt und Diskriminierung durch einen unfähigen Präsidenten, der das Land gespalten hat – wie es aktuelle Ereignisse wie den Sturm auf das US-Kapitol auch deutlich zeigen. Mit Joe Biden, der am 20. Januar 2021 sein neues Amt (hoffentlich) antreten wird, hat die USA einen Präsidenten, der sich zur Aufgabe gemacht hat, „die Gräben zu überwinden und zusammenzukommen“. Die Wahl war ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen und konnte somit nicht deutlicher zeigen, dass jede Stimme zählt, wenn sich etwas ändern soll.

Auch hier bei uns müssen sich Dinge und Verhältnisse ändern. Wollen wir weiterhin in einer demokratischen Gesellschaft leben? Wollen wir eine soziale und gerechte Gesellschaft? Wollen wir ein Miteinander statt ein Gegeneinander? Teilhabe statt Ausgrenzung? Toleranz statt Hass? Gleichberechtigung und Chancengleichheit? Faire und gut entlohnte Arbeitsbedingungen? Gute Bildung? Ein gesundes Klima? Dann müssen wir die Macht unserer Stimmen nutzen – auf den Straßen, im Netz, zu Hause, auf Arbeit und im Wahllokal.

Starten wir in dieses spannende Jahr mit dem Bewusstsein, dass wir beSTIMMEn können, wie unsere Gesellschaft aussehen kann. Streichen wir den 6. Juni und 26. September rot im Kalender an. Das sind die Tage, an denen wir spätestens unsere Stimmen in der Sammelstelle unseres Vertrauens abgeben werden, um unsere Gesellschaft nachhaltig mitzugestalten. Wer mithelfen möchte, andere Menschen zur Wahl zu motivieren, der kann sich im melden. Denn für dieses Superwahljahr in Sachsen-Anhalt wird nicht nur jede Stimme, sondern auch jede helfende Hand und jeder kreative Kopf gebraucht.

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