Teil IV unserer Corona-Statement-Reihe: Prostitution und Covid19 – Endlich Vorstoß für Sexkaufverbot in Deutschland!

Mit Würde hat die Ausübung von Prostitution wenig zu tun. Die Mehrzahl aller in Deutschland aktiven Prostituierten kommt aus Osteuropa. Sie sprechen meist kein oder nur wenig Deutsch und wurden entweder durch Zuhälter oder finanzielle Not in die Prostitution getrieben. Nicht selten haben betroffene Frauen bereits in ihrer Kindheit Gewalt und Missbrauch erfahren. Diverse Studien kommen auf erschreckend hohe Zahlen. So erlebten von 110 Befragten rund 73% körperliche Züchtigung und 43% sexuellen Missbrauch als Kind (1). Ihr Albtraum setzt sich im Erwachsenenalter fort. Die traumatischen Erfahrungen aus der Kindheit werden im System der Prostitution dafür genutzt, um dieses aufrecht zu erhalten. Prostitution bringt schwerwiegende Folgen mit sich. In erster Linie betreffen diese natürlich die Frauen selbst, die sowohl das Verhältnis zum eigenen Körper als auch zu ihrer eigenen Sexualität verlieren. Zudem treten für die Betroffenen häufig Probleme in Bezug auf Geld, Wohnung, Elternschaft sowie Partnerschaft auf. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen, Essstörungen, Drogenmissbrauch und unzählige weitere Folgen zählen zum traurigen Alltag vieler Frauen in der Prostitution (2).

Auch der Rest der Gesellschaft ist von den Auswirkungen der Prostitution betroffen.

Frauen stehen als frei verfügbare und konsumierbare Ware zur Verfügung, wodurch Männern vermittelt wird, dass Frauen bloße Objekte sind. In dieses Muster reiht sich auch der alte Mythos ein, der besagt, dass man Prostitution bräuchte, um Vergewaltigungen zu verhindern. Zum einen stellt sich die Frage, welches Verständnis jemand von Menschenwürde hat, um es für legitim zu erachten, einen Teil der Frauen quasi zu opfern. Zum anderen lässt sich dieses Argument entkräften, wenn wir in die Länder schauen, welche Sexkauf bereits unter Strafe gestellt haben. Dort sind keine höheren Vergewaltigungszahlen festgestellt worden (3). Wahrscheinlicher ist es, dass in einer Gesellschaft, in der Sexkauf legitim ist und Frauen zu Objekten degradiert werden, Männer eher in dem Glauben aufwachsen, sie hätten ein Recht auf Zugang zum weiblichen Körper, welches sie notfalls auch mit Gewalt durchsetzen. Auch das Männerbild scheint bei AnhängerInnen dieses Mythos sehr fragwürdig. Männer werden hier nicht als rationale und zu Empathie- sowie Vernunft fähige Wesen dargestellt, sondern als rein triebgesteuert und grundsätzlich aggressiv-frauenfeindlich. Auch die Pornoindustrie – die letztlich nichts anderes verkauft als gefilmte Prostitution – trägt einen großen Anteil dazu bei, dass junge Männer mit einem frauenverachtenden Weltbild groß werden.

Doch gegen die Öffnung der Bordelle regt sich Widerstand. Ein Kreis aus 16 Bundestagsabgeordneten von SPD und CDU – dem unter anderem Karl Lauterbach (SPD) und Leni Breymeier (SPD) angehören – macht sich für eine andere Lösung stark. Die Abgeordneten fordern offensiv die Einführung des sogenannten nordischen Modells, statt zum Regelbetrieb zurückzukehren. Was beinhaltet das nordische Modell und wieso sind wir als demokratische SozialistInnen dafür?

 

Das nordische Modell baut auf drei Säulen auf:

1. Entkriminalisierung der Prostituierten

Bereits heute könnte man meinen, dass Frauen in der Prostitution keine Kriminalisierung erfahren, weil wir in Deutschland diesbezüglich eine „liberale“ Gesetzgebung haben. Die Realität vieler Frauen sieht allerdings anders aus. Sie werden aufgrund von fehlender Anmeldung oder dem Betreten von Sperrbezirken strafrechtlich verfolgt. Als demokratische SozialistInnen stehen wir an ihrer Seite und kämpfen konsequent gegen jede Form der Kriminalisierung von Prostituierten.

2. Kriminalisierung der Freier und BetreiberInnen

Feminismus ist seit jeher geprägt von Kämpfen. Erinnern wir uns an den Kampf um das Wahlrecht oder um die Anerkennung der strafrechtlichen Relevanz von Vergewaltigung in der Ehe zurück. Gehen wir nun den nächsten Schritt und kämpfen dafür, dass sexuelle Ausbeutung von Frauen nicht legal bleibt. Als demokratische SozialistInnen streben wir eine Gesellschaft an, in der jeder Mensch Selbstzweck ist und Frauen keine Ware sind.

3. Finanzierung von Ausstiegsprogrammen

Es müssen breitangelegte Ausstiegshilfen für Prostituierte geschaffen werden, um betroffenen Frauen überhaupt eine Alternative zur Prostitution zu bieten. Denn meist geraten Frauen nicht freiwillig in die ausbeuterischen Verhältnisse, sondern leiden unter finanzieller Not und sind geprägt von psychisch/physischer Gewalt, die nicht selten bereits in der Kindheit begonnen hat. Als demokratische SozialistInnen fordern wir umfangreiche Ausstiegsprogramme für Frauen in der Prostitution. Ein großartiges Beispiel in diesem Bereich ist der Sisters e.V.. Die Sisters bieten konkrete Ausstiegshilfen an und setzen sich politisch und gesellschaftlich für die Überwindung der Prostitution ein. Solche Projekte gehören finanziell unterstützt.

Als demokratische SozialistInnen und FeministInnen begrüßen wir den Vorstoß der parlamentarischen Initiative, gehen allerdings noch weiter und sagen: Prostitution kann nur endgültig überwunden werden, wenn die Wurzeln von Armut und Frauenhass gesamtgesellschaftlich überwunden sind. Das kann in unseren Augen nur in einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft geschehen, in der kein Mensch aus Existenzangst dazu getrieben wird, den eigenen Körper für sexuelle Handlungen verkaufen zu müssen.

Daher müssen wir als LINKE neben dem nordischen Modell weitere Sofortmaßnahmen anstreben:

 

  • Barrierefreier und unbürokratischer Zugang zu einer sanktionsfreien sowie existenzsichernden Mindestsicherung für alle oder ein Bedingungsloses Grundeinkommen.
  • Schulungen der Behörden und der Polizei im empathischen und angemessenen Umgang mit Prostituierten.
  • Keine Abschiebungen von Armutsprostituierten aus Osteuropa und anderen Ländern.
  • Bundesweiter Ausbau von Frauenhäusern.

 

Jana Güth und Janis Morsbach, beide aktiv in DIE LINKE. und im Netzwerk LINKE für eine Welt ohne Prostitution

 

Quellen:

(1) Studie des Bundesministeriums für Frauen von 2004, von Schröteler und Müller

(2) „Mythos Sexarbeit – Argumente gegen Prostitution und Sexkauf“ Hg. von K. Sass, S. 77

(3) https://sisters-ev.de/wp-content/uploads/2020/04/Flyer-Faktencheck.pdf (Mythos 1)

 

Statement als PDF…

In der Coronakrise mussten nicht nur Großveranstaltungen abgesagt, Schulen und Kitas auf Notbetrieb heruntergefahren und Restaurants geschlossen werden. Auch die Profiteure der Prostitution mussten einen herben Schlag verkraften, denn bundesweit wurde der Bordellbetrieb eingestellt – leider mehrheitlich ohne ausreichend Unterstützung der betroffenen Frauen.

Nachdem immer mehr – zum Teil durchaus riskante – Lockerungen durchgewunken wurden, sollen nun auch die Bordelle wieder ihre Pforten öffnen.

Ist das eine angemessene Vorgehensweise in einem Staat, der sich die Würde des Menschen in sein Grundgesetz geschrieben hat?